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Die Garnele und das Meer

Fotografie Dorum Die Garnele und das Meer © 2004 Ilona Weinhold-Wackernah - 000415

Krabbenfang in der Nordsee: Ilona Weinhold war live dabei

Für Sie – und für mich – war ich live dabei: Beim Krabbenfang. Denn, ’mal zugegeben, daß die Nordseekrabben in der Nordsee gefangen werden, wissen wir alle, aber wer weiß schon, wie das genau funktioniert?

In Uwe Stelling habe ich den Fischer gefunden, der mich auf seinem Kutter mitnimmt. Um drei Uhr morgens an einem Tag im Oktober soll es vom Sielhafen »Dorumer Tief« losgehen. »Dunkel, windig, kalt, nur drei Grad«, sagt der Kapitän. Hier, mitten in der Nacht, die manchmal von Blitzen erhellt wird, stellt sich der Crew die Frage: Auslaufen, oder nicht – wird es ruhiger oder stürmischer? Nach einer halben Stunde Wartezeit ist die Entscheidung gefallen: Wir starten! Die Besatzung des kleinen Krabbenkutters »Poseidon« besteht aus drei Mann: Dem Eigner, Fischwirtschaftsmeister Uwe Stelling, seinem achtzehnjährigen Sohn Björn – Fischwirt – und Kurt Hay, ebenfalls Fischwirt.

Der Sielhafen ist verschlickt, daß bedeutet, Uwe Stelling kann nur bei Flut aus- und einlaufen. Ein Schlickbagger, der den Schlick aus dem Hafenbecken entfernen soll, war in den vergangen Tagen hier am Arbeiten und nun sind alle Fahrrinnen durcheinander gebracht. Uwe Stelling muß seinen Kutter fast zehn Minuten immer wieder vor- und zurücksetzen und sich so eine neue Fahrrinne schaffen, bis endlich die Fahrt ins offene Meer beginnt. Zwölf Stunden dauert die Fangreise, von Flut zu Flut.

Nach dem Auslaufen werde ich ins Führerhäuschen eingeladen. Es ist mollig warm und duftet nach Pfefferminztee. Der Kutter macht neun Knoten (das sind mit 1,852 km multipliziert über 16 km pro Stunde) erzählt Björn, der seit Beenden seiner Lehre auf der »Poseidon« seines Vaters fährt. Dieser Beruf hat in der Familie Stelling Tradition. Schon Uwe Stelling ist im Alter von vierzehn Jahren bei seinem Vater »auf’m Kutter« in die Lehre gegangen. Mit einundzwanzig Jahren hat er sich dann selbständig gemacht und seinen eigenen Krabbenkutter bauen lassen. Tja, Uwe Stelling ist ein Fischer mit Erfahrung, denn er ist schon dreißig Jahre dabei. Auf der »Poseidon« ist er der Einzige, der ein Patent inne hat. Das heißt, nur er darf »am Steuerrad dreh’n«.

Wir sind jetzt seit gut einer Stunde unterwegs zum Fanggebiet »Nordergründe« vor Elbe 1. Es ist sehr warm in der Kajüte, ich bin todmüde und langsam rührt sich mein Magen, denn wie der Kapitän sagt: »es schwabbelt ganz schön«. Naja, bei Windstärke vier bis fünf gibt es schon ganz ordentliche Wellen, für mein Empfinden jedenfalls.

Um fünfuhrfünfzehn werden an diesem Morgen das erste Mal die Schleppnetze auf den Nordseeboden gesenkt. Hier ist die See ungefähr viermeterachtzig tief. Die Geschwindigkeit wird gedrosselt, wir fahren langsam weiter.

Uwe Stelling: »Woll’n wir hoffen, daß da auch welche ’reinspringen«.

Gestern waren es fünfzehn Zentner. Wir werden sehen, was der heutige Tag bringt.

Das Fischerhandwerk ist hier übrigens eine reine Männerdomäne. Fischwirtinnen oder Fischwirtschaftsmeisterinnen sind in Dorum offensichtlich nicht zu finden.

Björn Stelling und Kurt Hay machen sich nach ungefähr einer Stunde langsamer Fahrt bereit, den ersten Fang einzuholen. Sie ziehen ihre Schutzanzüge in greller Farbe über ihre Kleidung. Die Schutzanzüge sind Vorschrift, damit »Mann über Bord« auch nachts gefunden werden kann. Scheinwerfer tauchen das Deck in taghelles Licht. Die Netze, die rechts und links über den Meeresboden gezogen wurden, müssen jetzt mit Hilfe einer Winde samt Baum, der die Öffnungen der Netze spannt, emporgezogen werden. In der Spitze des Netzes, dem »Steert«, befindet sich der Fang. Der Steert wird geschickt von den beiden Fischwirten über den großen Trichter der Sortiermaschine manövriert und dann mit einem Griff geöffnet. Das alles dauert nur wenige Sekunden.

»Na, das war schon ’mal ’n guter Anfang«, sagt Uwe Stelling, als die Beute eingebracht ist.

So sehen also lebendige Granat aus. Grau bis farblos, glipschig und zappelnd. Zwischen den riesigen Mengen Nordseekrabben sind auch eine Menge Seesterne, Mehlfische, Krebse, kleine Kabeljau, Steinbeißer und Windlinge in die Netze gegangen. Größere Tiere geraten wohl sehr selten in die Netze, »vielleicht ’mal eine Seezunge«, sagt der Kapitän. In der Sortiermaschine wird der Fang gewaschen und der Gra,nat fällt auf ein Förderband, das die Tiere in einen Korb fallen läßt. Die anderen Arten fallen direkt auf’s Deck und werden mit einem Wasserstrahl durch eine Klappe in der Reling gleich wieder in die See befördert.

Die Fischer haben alle Hände voll zu tun. Björn Stelling bringt die wimmelnden Granatkörbe nach achtern zu Kurt Hay, der den riesigen Kessel aufgeheizt hat. Der Granat muß sechs bis sieben Minuten in kochendes Wasser. Erst danach haben die Nordseekrabben ihre frische rosige Farbe und sehen richtig appetitlich aus. Aus dem Kessel steigt schneeweißer, undurchsichtiger Dampf, der in die Nase steigt. »Sehr gesund«, sagt Uwe Stelling, »jodhaltig, gut bei Erkältungen«.

Tja, die hab’ ich schon. Also schnell ins warme Führerhaus, wo sich jetzt der Duft von Pfefferminztee mit Diesel und frisch gekochten Granat mischt.

Der gekochte Granat wird zum Abtropfen in große Siebe geschöpft und mit einem dicken Wasserstrahl durchspült. So sind mir diese Meeresbewohner vertraut.

Nach nochmaligem Aussortieren von übriggebliebenen Seesternen und Krebsen in Granatgröße, wird der Fang in fünf-und-zwanzig-kg-Kisten gefüllt.

Es wird langsam hell auf See, die Sonne geht auf. Das Meer und mein Magen haben sich beruhigt. Zeit für’s zweite Frühstück – das erste liegt immerhin siebeneinhalb Stunden zurück.

Die Netze sind inzwischen das dritte Mal auf dem Meeresgrund. Auf Deck herrscht Betriebsamkeit. – Hier im warmen Führerhaus steht eine ständige Verbindung über Funk zwischen den sieben Krabbenkuttern, die heute nacht ausgelaufen sind vom Dorumer Sielhafen. Die Sonne scheint herein – ein schöner Morgen.

Der Kapitän »snackt« über Funk auf Plattdüütsch mit den anderen Fischern von SV-Werder-Karten. Geruhsamer Job, eigentlich. Nur leider fängt die Lehrzeit nicht gerade hier im Führerhaus an.

Die anderen beiden haben’s da nämlich nicht so bequem: ständiges Granatsortieren, -kochen, -sortieren, in Kisten füllen, Kisten stapeln, Deck abspülen und schon kommt der nächste Fang, der verarbeitet werden will. Da ist ständiger Kontakt mit eiskaltem Wasser und nur kurz zwischen Verarbeitung und Fang einholen ein Moment Zeit für eine Scheibe Brot, einen Schluck Pfefferminztee und eine eilige Zigarette. Ganz schöne Knochenarbeit.

Langsam wächst die Zahl der aufgestapelten Kisten. Uwe Stelling hat noch etwas Erfreuliches zu berichten: Die Menschen sind offensichtlich umweltbewußter geworden. Vor zehn bis fünfzehn Jahren schwamm eine Menge achtlos (oder absichtlich?) fortgeworfener Müll in der Nordsee. Das ist nicht mehr der Fall. Auch heute ist in den Netzen glücklicherweise kein Hausmüll zu finden, genausowenig wie auf der Wasseroberfläche, soweit wir sehen können. Und wir können weit sehen, denn inzwischen haben wir schönstes Herbstwetter – Sonne, klare Sicht – was für ein Glück.

Langsam drehen wir wieder in Richtung Heimathafen.

Uwe Stelling ist zufrieden – es war ein erfolgreicher Tag. Insgesamt sind jetzt über sechzig Kisten mit Granat auf Deck gestapelt. Das sind immerhin vierundzwanzig Zentner.

So, jetzt geduldig auf den nötigen Wasserstand zum Einlaufen in den Sielhafen gewartet und dann ab nach Hause.

Beim Einschlafen heute abend wird es sicherlich ganz schön »schwabbeln«…


Diese kleine, wunderbare und reich bebilderte Geschichte hat Ilona 1995 für unsere Zeitschrift NordseePUR aufgeschrieben. Während der Fahrt mit dem Kutter machte sie natürlich auch einen ganzen Stapel Fotos, von denen wir im Shop an die 21 ausgewählte Fotos als Wandbilder auf Leinwand für alle Krabbenliebhaber, Dorum-, Kutter- und Fischfreunde anbieten: